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Germany, Oct. 2002 (Stefan Schwanke)
"Mit
Rüdiger A./Mastermind des Ein-Man-Projektes Apoptose hätte man nicht
wirklich gerne tauschen mögen in den letzten 20 Monaten, so hoch waren
die Erwartungen an sein Nachfolgewerk zu seinem mit Lob überhäuften
Referenzalbum "Nordland" allseits gesteckt. Bereits kurz nach
Erscheinen des Debüts ließ der Musiker durchblicken, dass sein zweites
Album in eine gänzlich andere musikalische Richtung gehen würde und
setzte damit ein allgemeine Rätselraten in Gang. Auch die Apoptose Beiträge
zur "Solaris"-Compilation des Polymorph-Labels (eines davon eine
Kollaboration mit Polymorph und gelinde gesagt: ein Meisterwerk!) ließen
außer einem deutlich "elektronischerem" Sound keine wirkliche
Richtung oder auch nur eine Andeutung all dessen erahnen. 2002 aber ist
das Rätselraten nun endlich vorbei und man darf erstaunt die Kehrtwendung
vom sehr nordisch-kühlen "Nordland"-Sound hin zu einem gänzlich
organisch-rituell-mediterranen Sound zur Kenntnis nehmen.
Schon beim Betrachten der Umschlagfotos erwächst eine erste Ahnung, denn:
auf einem der Fotos erkennt der aufmerksame Betrachter nebst einer
Trommel, die Arme des Trommlers sowie den dazugehörigen Schultergurt mit
den aufgestickten Lettern "C A L A N D A". Kurz in der
Erinnerung gekramt und den Buñuel-Querverweis (der in Calanda geboren
wurde), einmal außer Acht gelassen, wenngleich auch dieser sich in L'Age
d'Or der trommlerthematik widmete, hofft man schon im nächsten Moment
innigst, nicht einen Aufguss des 80er-Kult-Albums "The Triumph of the
Flesh" von Vagina Dentata Organ with The Paga Drums of Calanda präsentiert
zu bekommen. Sicher war die Platte mal interessant anzuhören, doch kultig
verklären tun sie heutzutage wohl nur jene, die sie nie im Schrank stehen
hatten, denn wie 90% aller Veröffentlichungen des Jordi-Valls-Projekts
VDO verstecken sich hinter toller Aufmachung & Thematik doch immer nur
leicht aufgemotzte Field Recordings, in diesem Fall also authentische
Aufnahmen der "Semana Santa" Festivitäten aus der Region von
Aragón/Spanien. Und was hautnah, live während der zwei Tage fast durchgängig
und ohne Unterbrechung zelebrierten Rhythmusorgie erlebt, zu fesseln mag,
verlor auf VDO's Aufnahme leider nicht wenig an Reiz und Faszination. Glücklicherweise
hat es sich Apoptose wahrlich nicht ganz so einfach gemacht wie VDO, der
Titel "Blutopfer" mag noch eine Anspielung auf die der
VDO-Picturedisc-Veröffentlichung in geringster Anzahl beigefügten
Blutstropfen sein (viele der Oster-Trommler schlagen sich in ihrer Ekstase
tatsächlich die Finger und Hände blutig) auch spielen Originalaufnahmen
der Trommelaufzüge des catalanischen Dorfes den dominanten Part bei
Blutopfer, damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten jedoch bereits. Doch
nun endlich zum vorliegenden Werk: "Apotropaion" beginnt
erstaunlich harmlos, beinahe zu ruhig und belanglos mit rückwärts
abgespielten Rhythmustakten um nach etwa 80 Sekunden in einer
kathartischen Trommelorgie zu explodieren, deren Rhythmus sich für die nächsten
acht Minuten ohne Wenn und Aber in des Rezipienten Gehör festsetzt und
bald die Kontrolle über die gesamte Wahrnehmung übernehmen wird. Derart
gefesselt nimmt man auch den modulierenden Basston beinahe nicht mehr war
und meint beim Einsatz der kaum wahrnehmbaren Apoptose-typisch entrückten
Melodie zum letzten Viertel des Stückes erstmals wieder mitten aus den
Reihen der Trommler heraus entführt und abseits geführt zu werden. Und
wie das Stück begann, so endet es auch wieder mit den hypnotischen Rückwärtsschleifen,
die sanft und unmerklich überleiten in den nächsten Titel, der wiederum
elektronisch beginnt und die Trommel diesmal etwas weniger dominant &
mächtig präsentiert als noch beim Stück zuvor. Der Sinn dessen erschließt
sich alsbald, denn man wohnt diesmal einem akustischen Trommelduell bei,
wird durch einen wiederum elektronischen Mittelpart, der an nordische
Elektroniker aus der Intelligent Techno-Ecke wie Biosphere gewahren lässt,
kurzzeitig abgelenkt um alsbald wieder die akustischen Duellanten zum Zug
kommen zu lassen. Bisweilen ertappt man sich bei den folgenden Stücken
("Prozession der Augen" etwa stellt die Trommeln mit einer
faszinierenden Wuchtigkeit wieder sehr in den Vordergrund) sogar dabei, für
kurze Momente mehr den Stimmen der beistehenden Passanten zu lauschen denn
den Trommlern und dabei umso mehr in der virtuellen Szenerie der
pseudo-religiösen Festlichkeiten zu versinken. "Calanda"
unterstützt die darin verarbeiteten heftigeren Rhythmen mit um einiges
dramatischerer Musik, während "In die Nacht" schon auf den
"Höhepunkt" des Albums hinarbeitet: "Zu Füßen der
Mutter"! Ebenjenes Stück, das sich am ehesten vom Rest des Albums
abhebt. Die Drums werden hier teils elektronisch verfremdet und tauchen
zugunsten von Publikumsstimmenwirrwarr und Keyboardflächen immer mehr in
den Hintergrund, um schließlich DER Melodie Platz zu bereiten, einer
Melodie, ähnlich denen, die in Stücken wie "Abschied von der
Sonne" und "Horizont" dafür sorgten, Debüt &
Komponisten zu DEM Newcomerthema 2000 werden zu lassen. Majestätisch
anschwellend, von den nun nur noch erhaben klingenden Trommeln geadelt,
verschwimmen Sound/Ton/Melodie/Schwingung zu einem Ganzen und erstahlen
schlussendlich in unfassbarer Schönheit während die Trommeln sich dezent
zurückziehen. Nach vielfachem Hören des Album komme ich immer wieder zu
der für mich persönlichen "Erkenntnis", dass die ersten 44
Minuten unaufhörlich diesem einen Moment entgegenschreiten, bis sich alle
Spannung in diesen wundervollen 50 Sekunden entlädt! Man mag mir diese
verkitscht klingende Erlebnisschilderung nachsehen, ich denke jedoch, dass
Liebhaber des Albums die Begeisterung für diesen Moment und meine
Climax-Theorie eventuell doch teilen oder nachvollziehen können.
Und auch für den Abschluss der CD muss man Apoptose erneut Respekt
zollen: „Zuflucht", der Name hätte passender nicht gewählt sein können.
Umgeben von lärmigen Industriesounds wähnt man sich in einer
unterirdischen Höhlenkathedrale oder einer augebombten riesigen Bahnhofs-
oder Fabrikhalle. Die Sounds der Trommeln verlieren sich unter einem
riesigen domartigen Dach, Stimmen und Pfiffe scheinen die Trommeln
zeitweise zu übertönen, Schritte hallen über den glatten Boden und das
Echo kalter Winde pfeifft durch den nun auch von den Trommlern verlassenen
Raum. Bomastisch! Man darf schon jetzt gespannt sein auf den nächsten
Geniestreich des Ausnahmekünstlers."
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